Informationen zu den Gänsen am Starnberger See



Lesen Sie hierzu auch die wissenschaftliche Stellungnahme zur Situation der Gänse am Starnberger See 2011 (von Dr. Susanne Homma & Olaf Geiter)


Die Beurteilung der Situation von Gänsen am Starnberger See mit seinen Liegewiesen und Parks ist seit ein paar Jahren in eine falsche Richtung gelaufen. Denn bisher gründet sich die Diskussion um die Gänse leider auf einigen Fehlinformationen, die wir im Sinne der Objektivität korrigieren müssen.

 
Fehlinformation Nr. 1: „Die Gänse gehören hier nicht her.“

Laut der ornithologischen Literatur erstreckt sich das Verbreitungsgebiet der Graugans in Eurasien flächendeckend über die gemäßigte Zone [1]. Regional, zum Beispiel in Mitteleuropa, wurde die Graugans als Brutvogel jedoch zum Teil schon vor Jahrhunderten ausgerottet. Spätestens ab 1853 war die Graugans auch in Bayern nur noch als Zugvogel bekannt [2]. Wiederansiedlungsversuche der ausgerotteten Gänse wurden zunächst mit Kanadagänsen und später mit Graugänsen durchgeführt, die seit 1955 dauerhaft erfolgreich waren. Die Gänse breiten sich seitdem aus. Auch wenn man historischen Daten kritisch gegenüber steht, am Starnberger See ist die tatsächlich früher nicht heimische Kanadagans maßgeblich. Für heimische Tierarten gibt es Kriterien, nach denen auch Neozoen (neu eingebürgerte oder zugewanderte, früher nicht heimische Tierarten) als einheimisch zu betrachten sind, wenn sie sich mindestens 30 Jahre lang und in mindestens dritter Generation ohne menschliche Hilfe in der Natur fortpflanzen. Dies ist bei der Kanadagans in Deutschland und speziell auch am Starnberger See der Fall. Die Kanadagans ist bei uns längst zur heimischen Tierart geworden, ebenso wie Damhirsch, Mufflon, Kaninchen, Jagdfasan, Höckerschwan...


Fehlinformation Nr. 2: „Die Gänsepopulation nimmt zu.“

Bei dieser Behauptung scheint es sich um ein oft genanntes Vorurteil am Starnberger See zu handeln. Aus konkreten Zahlen der Ornithologen geht hervor, dass der Gänsebestand innerhalb der letzten zehn Jahre nicht zugenommen hat. Freilich gibt es eine Zunahme innerhalb der vergangenen 30-40 Jahre. Ganz klar sollte eine ausgerottete Tiergruppe (siehe Punkt 1) bei Wieder- oder Neubesiedlung eines Gebietes zunächst über einige Jahre im Bestand ansteigen. Irgendwann erreicht diese Entwicklung dann ihr Plateau, und das ist beim Starnberger See seit mindestens zehn Jahren der Fall. Bezüglich der Kanadagans haben sich die Gänseforscher Dr. Susanne Homma und Olaf Geiter in ihrer wissenschaftlichen Stellungnahme geäußert, dass diese seit zehn Jahren im Bestand stabil bei um die 200 Tieren liegt.


Fehlinformation Nr 3: „Der Gänsekot gefährdet die Gesundheit insbesondere unserer Kinder.“

Das Gefährdungspotenzial von Wasservogelkot ist gut untersucht. Bedenken aufgrund verkoteter Badestelle an natürlichen Seen sind nicht neu. Zahlreiche in Deutschland (und natürlich auch andernorts in Industrienationen) durchgeführte Studien haben insbesondere Gänsekot untersucht, an Konfliktorten wie Liegewiesen und Stadtparks - auch am Starnberger See und in München. Nach Analyse von insgesamt weit über 10.000 Kotproben und über 1.000 Eiern auf Krankheitserreger kommen alle Studien zu dem gleichen Schluss, dass speziell Gänse vom Vorwurf, Krankheiten auf Menschen zu übertragen, frei zu sprechen sind. Nicht in einer einzigen Probe konnte ein für Menschen gefährlicher Keim nachgewiesen werden.

Wenn auch nicht ein hygienisches, ein kosmetisches Problem mit dem Gänsekot bleibt hingegen bestehen. Wenn allerdings eine rein optische Beeinträchtigung eines Gebietes zur Bekämpfung oder sogar Tötung führt, dann hat überhaupt keine Tierart mehr ein Lebensrecht.

Informationen zur Gesundheitsgefährdung (http://www.gaensewacht.de)
Gänsekot besteht zu über 80 Prozent aus unverdautem Gras, ist weder sauer noch basisch und im Gegensatz zum Kot von Hund und Katze ausgesprochen harmlos. Entgegen einiger Presseartikel der Anti-Gänse-Kampagne löst Gänsekot keine Allergien aus. Bei den in besagten Artikeln auf Gänsekot zurückgeführten “Hautallergie” handelt es sich um durch von Schistosomatiden-Larven verursachte “Zerkarien-Dermatitis”, auch Bade- oder Schwimm-Dermatitis, Reisfeldkrätze, Entenwurmkrankheit, Hundsblattern, Weiherhibbel oder swimmers’ itch bekannt. Allerdings sind dafür Stockenten und Wasserschnecken verantwortlich, und eben nicht die Gänse. Auch ein Zusammenhang zwischen Wasservogel-vorkommen und E.coli Belastung konnte bislang nicht nachgewiesen werden. E.coli kommt weiters auch in beträchtlichem Maße in landwirtschaftlich ausgebrachter Gülle vor.

http://schleswig-holstein.nabu.de/naturerleben/zentren/

Dieser Gänsekot besteht vor allem aus Zellulose, einem Bestandteil der pflanzlichen Zellwände. Der Gänsekot enthält weder Säuren noch Laugen, sein pH-Wert liegt im neutralen Bereich. Ein einfacher Versuch zeigt, dass auf Flächen, die mit Gänsekot gedüngt wurden, die Pflanzen nicht etwa eingehen, sondern im Gegenteil größer und üppiger wachsen.
Behauptung: Mit den Gänsen und dem Kot werden Kokzidien und Parasiten eingeschleppt:
Siehe Gutachten Prof. Bergmann, Dissertation Dr. Martin Stock: Über anaerobe Darmflora der Graugans, etc. Kokzidien werden, wenn überhaupt durch Kaninchen, Wild, falsche Stallhaltung von Hausgänsen etc. eingeschleppt. Für Mensch und Tier schädliche humanpathogene Keime konnten im Gänsekot nicht nachgewiesen werden.
Aus der Antwort des Bayer. Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten auf eine Landtagsanfrage geht hervor, dass es „keine Veröffentlichung, die eine Übertragung von Infektionserregern durch Wildgänse auf den Menschen beschreibt bzw. bestätigt“ gibt – d. h. eine Gesundheitsgefahr geht von den Gänsen nicht mehr und nicht weniger aus als von jedem Tier in freier Wildbahn.


Fehlinformation Nr 4: Informationen zum Schilfsterben

Zusammenfassung aus: http://www.natur-5seenland.de/Starnberger_See/schilfsterben.htm

Wenn am Starnberger See über das Schilfsterben diskutiert wird, belasten eine Fülle von Emotionen und das Wissen um die eigene Schuld dies Thema. Der See existiert seit 15.000 Jahren, und Schilf fressende Wasservögel hat es dort schon immer gegeben ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, sie zum Blitzableiter zu machen. Bei der Suche nach Ersatzschuldigen werden dann die Wasservögel zu Sündenböcken, obwohl die Hauptschuldigen die Menschen sind.
Richtig ist vor allem, dass man es mit dem Ramsarschutzgebiet sehr ernst nehmen muss, denn es geht einfach nicht, dass man die einen Vogelarten schützt, weil man sie als Selbstbestätigung haben will, aber andere gleich nebenan totschießt, weil man das Schilf retten will. Das würde Unruhe für die rastenden Arten bedeuten.

Schilfsterben nicht nur hier ein Thema
Es gibt mittlerweile eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit dem Thema „Schilfsterben“ auseinander setzen. Fast alle, ganz gleich, wessen Partei sie ergreifen, kommen zu dem Schluss, dass mehrere Faktoren in einander greifen und hauptverantwortlich die Menschen sind.
Der Schilfbestand hat in den letzten drei Jahrzehnten dramatisch abgenommen. Vor allem alte Fotos demonstrieren das deutlich. Es muss aber auch eingestanden werden, dass der Starnberger See schon wegen seiner großen Tiefe niemals ein typischer Schilfsee war.

Die Rolle der Wasservögel
Bleibt als Bösewicht die Kanadagans und deren Junge. Sie hat zweifellos zugenommen, war früher nicht hier und ist somit erst eingewandert, als das Schilfsterben längst im Gange war. Bei intakten Schilfbeständen wäre ihr Triebverbiss sicher zu verkraften. Es ist aber eine Illusion zu glauben, dass man sie durch Jagd nennenswert reduzieren könnte, zumal sie im Umland überall erfolgreich brütet. Bei ihr ist der Zug längst abgefahren, wenn man sie rückwirkend zum Sündenbock machen will.

Freizeitnutzung
Wesentlicher als alle Tiere miteinander ist die Beeinträchtigung durch Menschen. Hier steht an erster Stelle der Halmbruch. Unübersehbar sind jene Schneisen, die nach immer massiverer Parzellierung der Ufer in die Schilfränder geschlagen, gedrückt, gemäht oder getreten wurden. Auch beiderseits von Bootstegen sind die Belastungen durch Boote und Surfer unübersehbar. Wenn die Halme knicken und Wasser in das Röhrensystem eindringt führt das fortschreitend zum Fäulnisprozess, der bis ins unterirdische Geflecht des Wurzelwerkes reicht. Wird dessen Zusammenhalt geschwächt, löst es sich auf. Wind und Wellen helfen mit und das Schilf stirbt. In gleiche Richtung sind auch die Wellen-Scherwirkungen der größeren Schiffe wirksam. Jahr für Jahr werden damit die Schilfbestände kleiner und weniger widerstandsfähig. Nicht zu unterschätzen ist auch die Auswirkung von Hochwasserständen und die Uferbefestigung. Dabei mähen manche Anlieger auch noch, entgegen dem Verbot, das Schilf unter Wasser ab.

Das große Sorgenkind Eutrophierung und Algenwachstum
Viele Seen, darunter auch der Starnberger See haben ihr biologisches Gleichgewicht längst verloren. Die Eutrophierung des Sees durch Überdüngung von außen geht eine Veränderung des gesamten Wasserhaushalts einher, der auf die gesamte Artenzusammensetzung Einfluss hat. Besonders nachteilig für das Schilf hat sich dabei auch die starke Zunahme von Algen, insbesondere aufschwimmenden Grünalgen erwiesen, denn einige der Arten scheinen dabei Toxine zu entwickeln. Sie sind nicht die primäre Ursache, wohl aber einer der zusätzlichen sekundären Faktoren für das Schilfsterben.
Überdüngung ist ein chemischer Prozess, der die Selbstreinigungskraft des Wassers beeinträchtigt. Der stört die ökologische ausgewogene Beziehung aller Organismen zueinander.
Während eines Zeitraums von nur 20 Jahren brachte die Überdüngung durch ein gewaltiges Übermaß an Nährstoffen und chemischen Kampfstoffen aus der Landwirtschaft den für die Flachwasserzonen dieses Sees charakteristischen Wasserpflanzen in aller Stille den Tod. Es ist all zu bequem von den eigentlichen Ursachen abzulenken und die Wasservögel dafür verantwortlich zu machen.

Zum Abschluss
Wenn Badebetrieb und Bootsverkehr enden, in der zweiten Hälfte September bis Anfang Oktober, wird der Starnberger See wieder jenes bedeutsame Rast und Überwinterungsgewässer von internationaler Bedeutung. Da er im Sommer aber für die nahe Großstadt München ein bevorzugtes Naherholungsgebiet ist, lässt sich leicht ein Kompromiss zwischen Menschen und Erholung auf der einen Seite und den Ansprüchen der Wasservögel finden, wenn man Ruhezonen auf Teilen des Sees nicht nur ausweist, sondern auch beachtet. Diese wurden durch Privatverträge abgesichert, die sich automatisch verlängern, weil sich das Prinzip bewährt hat, wenn nicht die Jagd darin fehlen würde. Peinlich genug, wenn der Landesjagdverband seine Lösung des Schilfproblems mit der Flinte anbietet. Sinnvoller wäre die Unterzeichnung des von Jägern entworfenen Vertrages.
Was aber die Überdüngung des Sees und die Verunreinigung mit Pestiziden angeht, darf es gar keinen Kompromiss geben. Die hierfür geforderte Konsequenz wird auch das Schilf am See wieder gedeihen lassen ohne dass einem Vogel eine Feder gekrümmt werden muss. Denn grundsätzlich hat die Waffe des Jägers in einem Ramsarschutzgebiet nichts zu suchen. Das ist internationaler Standard und eine Verpflichtung für Deutschland, über die sich auch Bayern nicht hinwegsetzen kann. Es könnte auch sein, das man in besonderen Bereichen das Schilf wieder anpflanzt, wenn das Wasser hier wieder sauber genug ist.

http://www.n-tv.de/wissen/Schilf-stirbt-ab-article257861.html

Die Nährstoffbelastung der Gewässer stamme aus der Landwirtschaft, Abwässern und Fischzuchtanlagen. Das labile Schilf knicke rascher weg, der Wurzelstock bekommt keinen Sauerstoff mehr. Nicht nur Wind und Wellen seien dann belastend, sondern auch Eisgang und Algenteppiche. Zunehmender Bootsverkehr und Wassersport sowie Uferbauten setzten den Beständen außerdem zu.

Eine Stimme, die das unbedingte Ruhebedürfnis der Wintergäste zum Thema hat – das Gänseschiessen ist genau das Gegenteil von Ruhe:
http://www.natur-5seenland.de/Ammersee/haubentaucher.htm
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Wer eine weite Reise vor sich hat und sie mit Muskelkraft auf eigenen Schwingen zurücklegt, der muss auch einmal Pause machen. Darum sind Rastgebiete auf den großen Seen, wie Ammersee und Starnberger See für Wasservögel mindestens so wichtig wie Brutgebiete. Wer mit oft letzter Kraft diese gastlichen Seen erreicht, der muss sich erholen, ehe er weiter reist. Für viele dieser Herbst- und Wintergäste ist es eine Überlebensfrage, dass sie bei dieser Rast Ruhe finden. Das hat auch unsere Bundesregierung zur Kenntnis genommen, und sie ist dem Ramsar-Abkommen beigetreten. Diese internationale Verpflichtung soll ziehenden Vogelarten die Rastgebiete sichern. Darum sind unsere beiden großen Seen als Rast- und Überwinterungsgebiete benannt, eben weil sie so wichtig sind. Das ist schon seit 1976 rechtsgültig. Nur ist es mit der Ruhe oft auch an Winter-Tagen nicht weit her, und es wird unsere Aufgabe sein, den Vögeln diese Ruhe wenigstens auf eng begrenzten Teilen der beiden Seen zu sichern.

Veränderung der Bestandsdichte des Schilfes (Phragmites australis)am Starnberger See (vom Institut des Prof. Melzer, der für die Dezimierung der Gänse eintritt)
Durch die Auswertung geeigneter Senkrechtluftbilder der vergangenen Jahrzehnte konnte die Entwicklung des Wasserschilfs am Starnberger See bis 1956 zurückverfolgt werden. Dabei zeigte sich insbesondere an flachen Uferabschnitten der stärkste Rückgang. So sind z. B. um die Roseninsel sämtliche Schilfflächen ausgefallen.
Die zusätzliche Auswertung meteorologischer und hydrologischer Daten zeigte eine bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen extremen Wetterereignissen und dem stärksten Rückgang, der zwischen 1963 und 1978 festgestellt wurde. Demnach liegt die Vermutung nahe, dass eine Folge ungünstiger Witterungsbedingungen am Starnberger See wie z. B. Eisgang und Hochwasser mit Stürmen, rückgangsauslösend und -fördernd wirkte. Weiterhin sind ungünstige klimatische Veränderungen ins Kalkül zu ziehen.

http://www.limno.biologie.tu-muenchen.de/forschung/diploma/zusfa/veit_e.html



Es müssen auf Grundlage von stichhaltigen Informationen Lösungen für die echten bestehenden Probleme gefunden werden.

 
In gewisser Weise sind Gänse wie wir Menschen; sie fühlen sich in Tutzing, Starnberg oder auch Kempfenhausen zuhause - wo sie aufgewachsen sind, mit etwas Glück eigenen Nachwuchs aufziehen und letztlich an einer hoffentlich natürlichen Ursache sterben.

 

[1] Johann Friedrich Naumann: Naturgeschichte der Vögel Deutschlands (1860)

[2] Walter Wüst: Avifauna Bavariae (1981)

 

Grundlage ist ein Text von Dr. Silke Sorge, Diplom-Biologin aus München, überarbeitet von Günter Schorn, Kreisvorsitzender Bund Naturschutz in Bayern e. V.